Herr Bundespräsident, Frau Büdenbender,
Die Königin und ich heißen Sie herzlich willkommen. Wir freuen uns sehr, Sie beide in unserer Mitte zu haben. Mit diesem Abend möchten wir Sie ehren. Und Deutschland, unser geliebtes Nachbarland.
Das Verhältnis zwischen Deutschen und Niederländern ist etwas ganz Besonderes, lässt sich aber nicht so einfach in Worte fassen.
Ich muss dabei an einen deutschen Tophit aus den siebziger Jahren denken, den hier in den Niederlanden fast jeder mitsingen kann.
»Ich bin wie du«.
Keine Angst, ich werde Sie nicht mit meinen Sangeskünsten behelligen.
Aber Sie wissen ja auch, wie es in dem Lied weitergeht:
»Wir sind wie Sand und Meer,
und darum brauch’ ich dich so sehr.«
In dem Lied geht es um Partner, die einander perfekt ergänzen, gerade weil sie nicht gleich sind.
Weil sie erst zusammen komplett sind, eben wie »Sand und Meer«.
Ich denke, dass viele von Ihnen das wiedererkennen werden.
Denn gilt das nicht auch für unser Verhältnis?
Ein Deutscher geht bei allem, was er tut, am liebsten planmäßig vor.
Ein Niederländer legt einfach los, nach dem Motto: Wir werden das Schiff schon schaukeln.
Meister der guten Vorbereitung treffen Meister der Improvisation.
Gründlichkeit trifft Geschmeidigkeit.
Sand trifft Meer.
Und was für ein fantastisches Team bilden die beiden!
Nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis.
Gemeinsam haben wir, Herr Bundespräsident, schöne Beispiele hierfür gesehen. Im Großen wie im Kleinen.
Letztes Jahr waren wir noch zusammen in Münster beim Ersten Deutsch-Niederländischen Corps. Seit mehr als dreißig Jahren ein Grundpfeiler unserer Sicherheit und Verteidigungsfähigkeit.
Und im Jahr davor waren wir zusammen in Dinkelland, der Nachbargemeinde von Nordhorn. Dort haben wir gesehen, wie die Menschen in der Grenzregion im Alltag ganz selbstverständlich zusammen arbeiten und zusammen leben.
Wir sind zutiefst dankbar, dass Niederländer und Deutsche nun schon mehr als achtzig Jahre friedlich miteinander verbunden sind. Aus den Trümmern des Zweiten Weltkriegs ist neues Vertrauen gewachsen.
Heute Nachmittag waren wir gemeinsam im Nationalen Holocaust-Museum hier in Amsterdam. In den Niederlanden wurden damals drei von vier jüdischen Einwohnern ermordet. Eine historische Tatsache, die niemand wirklich begreifen kann; ein bodenloses Loch von Angst, Schmerz, Kummer und Verlust.
Es hat mich tief berührt, gemeinsam mit Ihnen all dessen zu gedenken und anschließend mit jüdischen Niederländern zu sprechen.
»Wer gegenwärtig über Deutschland nachdenkt und Antworten auf die deutsche Frage sucht, muss Auschwitz mitdenken.«
Das sagte Günter Grass wenige Monate nach dem Fall der Mauer.
Das ist nur ein Beispiel für die selbstkritische Geschichtskultur, die Ihr Land kennzeichnet.
Die Bereitschaft zur Selbstreflexion ist eine große Stärke Deutschlands. Eine Tugend, die heutzutage eine Seltenheit ist auf der Welt.
Wie soll man aus dunklen Kapiteln der Vergangenheit lernen, wenn man nicht bereit ist, sich mit ihnen auseinanderzusetzen? Deutschland ist dazu bereit. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von großem Mut!
Wir haben gemeinsam gelernt, dass Demokratie allein nicht genug ist. Sie muss in eine Rechtsordnung eingebettet sein, die verhindert, dass Wehrlose und Minderheiten zu Opfern des blinden Willens der Mächtigen und der Mehrheit werden.
Das ist unsere Überzeugung. Das wollen wir verteidigen. Im eigenen Land und weltweit.
Deshalb werden wir weiterhin die Ukraine unterstützen. Deshalb werden wir an der regelbasierten internationalen Ordnung festhalten. Und deshalb werden wir uns auch künftig für Demokratiebildung und gesellschaftlichen Zusammenhalt einsetzen.
»Die Großmächte mögen in einer Welt ohne Regeln überleben – kurzfristig vielleicht sogar profitieren. Für uns gilt das nicht.«
Das waren Ihre Worte im März dieses Jahres in Berlin 75 Jahre nach der Wiedergründung des Auswärtigen Amts.
Zugleich zeigten Sie den einzigen Weg in die Zukunft auf: ein starkes Europa.
Gestatten Sie mir, dass ich Ihre Aussage ergänze: Ein starkes Europa braucht ein starkes Deutschland!
Wir glauben an die Kraft Deutschlands. Und wir begrüßen deutsche Führungsstärke in Europa.
Machen wir uns nichts vor: es liegen riesige Aufgaben vor uns. Selbstverständlichkeiten, die uns lange Zeit Halt gaben, sind nicht länger unantastbar.
Wir werden um weitreichende Entscheidungen nicht herumkommen. Sogar um Opfer. Wir werden uns teilweise neu erfinden müssen.
Das ist ein schwieriger Prozess von großer Tragweite. Aber Deutschland hat bewiesen, dass es mit so etwas fertig wird. Das haben uns achtzig Jahre Erfahrung als Nachbarn gelehrt.
Wo etwas zu Ende geht, kann auch etwas Neues entstehen. Die Niederlande möchten gemeinsam mit Ihnen die Grundlage für neues Selbstvertrauen und Optimismus legen.
Gemeinsam sind wir dazu in der Lage! Mit Gründlichkeit und Geschmeidigkeit.
Es gibt so viel, worauf Deutschland stolz sein kann. Sein wirtschaftliches Fundament ist nach wie vor stark. Seine verarbeitende Industrie ist robust. Technologisch gehören seine Leistungen noch immer zur Weltspitze.
Die Niederlande gehören zu den drei wichtigsten Wirtschaftspartnern Deutschlands. Und wir sind bereit, diese Zusammenarbeit noch weiter zu intensivieren. Überall und jederzeit. Denn die Zukunft Deutschlands ist auch unsere Zukunft.
Ein Blick reicht, um zu erkennen, wie wir uns gegenseitig stärken! Die Halbleiter-Revolution nimmt im Brainport Eindhoven Fahrt auf – und greift dabei auf deutsches Know-how zurück.
Und gemeinsam arbeiten wir an einer »unterirdischen Autobahn« für Wasserstoff und CO2 zwischen Rotterdam und Deutschland: der Delta-Rhein-Korridor.
Und wenn ich noch ein Beispiel dafür nennen darf, wie sich unsere Kompetenzen perfekt ergänzen, dann ist es das Einstein-Teleskop, das Vorzeigeprojekt der europäischen technologischen Innovation.
Belgien und die Niederlande möchten dieses gigantische unterirdische Vorhaben unbedingt in der Euregio Maas-Rhein verwirklichen, gemeinsam mit Deutschland. Baubeginn ist 2028 – und damit leider kurz nach dem Ende Ihrer zweiten Amtszeit.
Gleichwohl hoffe ich natürlich, dass ich dann den Grundstein dafür gemeinsam mit dem König der Belgier und Ihrem Nachfolger oder Ihrer Nachfolgerin legen kann!
Was wir brauchen, ist Innovationsfreude. Den festen Glauben an unser Können und unseren Erfindergeist und damit verbunden den Mut zur Erneuerung.
In unserer Wirtschaft, unserer Energieversorgung, unserer Gesellschaft, auf dem Arbeitsmarkt, in Europa – kurz: überall.
Und zum Glück können wir uns dabei auf eins verlassen:
»Was auch kommt, wir beide werden uns nie trennen,
wir lernen uns nur besser kennen […]
G’rade das macht uns’re Liebe anders,
und ich finde das gut.«
Ich möchte Sie alle bitten, das Glas mit mir zu erheben.
Herr Bundespräsident, Frau Büdenbender – auf Ihre Gesundheit!
Auf die Freundschaft zwischen der Bundesrepublik Deutschland und dem Königreich der Niederlande!